Zwischen Tod und Leben




Es gibt mehr als nur das, was wir sehen können. So genannte Ebenen, die parallel zu unserer Wirklichkeit existieren, zeigen Facetten ebendieser, die normalen Augen verborgen bleiben. Und manchmal tun sich Wege auf, diese Ebenen zu betreten...

Zwischen Tod und Leben

Beitragvon Josy » Fr 1. Nov 2019, 11:28

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?
Er war überall. Was vorher noch gebändigt und halbwegs geordnet in eine Form gezwungen war, lag jetzt frei vor. Frei, wild, und unsagbar zerstörerisch.
Und wenn er kommt?
Dann laufen wir!

Laufen war nicht ganz richtig. Es gab hier keine Beine, keine Körper, keine Grenzen, nicht einmal Raum. Es gab nur ihn. Es. Und ich hatte ihn hierher gebracht, wo er alle Möglichkeiten hatte, die ihm in der festen Welt nicht gegeben waren.
Aber auch mir. Und ich war hier zuhause, denn dies war weder Licht noch Schatten, weder hell noch dunkel, es war einfach. Es war der Tod und das Leben. Ende und Anfang. Es war genau richtig für diesen Zweck.
Es war nötig und richtig, ihm den Raum zu geben; ihn hier wüten zu lassen, wo er nichts kaputtmachen konnte, außer den Seelen, mit denen er ohnehin in Berührung gekommen war. Denn während er sich hier ausbreitete, während ich ihn hier und dort beschäftigt hielt, drüben ablenkte und dorthin lockte, schlüpfte der Rest von mir ihm durch die Lappen - bis zu der anderen Seele, die kaum mehr als solche zu erkennen war.
In Fetzen hing sie, zerrissen und zerstückelt. Kein Mensch mehr, vielleicht nicht einmal ein Leben, aber auch noch kein Tod. Ein Etwas, das der Dämon übrig gelassen hatte, vielleicht achtlos, vielleicht aber auch weil er es brauchte für die Verbindung zu dem Körper. Die Verbindung, die es in dieser Ebene nicht mehr gab.
Ich sammelte die Stücke ein und setzte sie zusammen, verband sie mit dem Herz der Seele, das noch da war. Viel war von ihr nicht übrig. Aber mit jedem Stück nahm sie wieder ein bisschen mehr die Form einer Seele an. Oder des Schattens einer Seele - einer Seele in Entstehung.
Und mit jedem Stück lenkte ich die ungebetene Aufmerksamkeit des Dämons wieder mehr mir zu.
Eckstein, Eckstein, alles muss versteckt sein!
Verstecken, das konnte ich. Aber nicht hier, nicht hier wo er stark war, wo ich ihm durch die Formlosigkeit Macht gegeben hatte. Ich hatte es tun müssen, um ihm die Reste der Seele zu entreißen, an die ich noch herankam, doch jetzt wo ich sie hatte - oder zumindest genug davon, um vielleicht etwas daraus zu machen - musste ich weg.
Dann laufen wir!
...

Der Raum maß vielleicht fünf Schritte von einer Wand zur anderen. Helle Tapeten an den Wänden. Es gab ein Bett, frisch und sauber bezogen, aber ungemacht, als hätte schon jemand darin geschlafen. Es gab ein Nachtschränkchen mit einer Lampe, die kein Licht abstrahlte, denn man brauchte kein Licht. Es gab eine weiße Kommode mit einem Modellflugzeug darauf, an der anderen Wand einen dazu passenden Schrank, an dessen Griff ein Lederband mit aufgefädelten Holzperlen hing. Am Fußende des Bettes gab es eine Truhe aus hellem Holz, auf dem Deckchen darauf saßen ein paar Kuscheltiere. Auf dem Holzboden lag ein Teppich mit Straßen- und Häusermuster darauf. In einer Ecke lagen ein paar Spielzeugautos und ein Dinosaurier, in einer anderen eine Holzeisenbahn und verstreute Wachsmalstifte. Unter dem Bett ragten eine Schlafanzughose und eine verlorene Socke hervor.
Ein ganz normales Kinderzimmer.
Es gab keine Tür. Eine Tür war zu gefährlich. Ich hatte den Raum um uns herum gebaut, um uns zu schützen. Eine Tür hätte einen Weg hinein bedeutet.
Ich stand in der Mitte des Raumes, am Rand des Autoteppichs, und blickte mich aufmerksam um. Ich war grau und farblos, genau wie der Rest meiner Umgebung, denn Farben konnte es hier nicht geben. Meine Haare waren offen, so wie immer, und ich trug mein kurzärmliges Nachthemd. Barfuß verlagerte ich mein Gewicht von einem auf den anderen Fuß und grub die Zehen in den Teppich. Meine Hände hatte ich hinter dem Rücken verschränkt. Sie waren schwarz bis zu den Ellbogen. Wie verbrannt. Der Rest meiner Haut war totenbleich. Ich lauschte.
Es war still. Er wusste wo wir waren, oder hatte zumindest eine Ahnung davon, aber dennoch musste er uns erst finden. In einem festen Raum herrschten andere Regeln als im Nichts. Das sollte uns ein wenig Zeit verschaffen. Auch so etwas wie Zeit gab es jetzt wieder, nachdem ich den Raum geschaffen hatte.
Vorerst zufrieden senkte ich den Blick auf den Jungen, der in der Nähe der Kommode auf dem Teppich saß. Das was von ihm übrig war. Auch der Seele hatte ich eine Form gegeben, oder besser gesagt hatte ich ihr in die Form geholfen, die ihr eigen war.
Ich trat zu dem Jungen und hockte mich vor ihn, den Blick aufmerksam auf ihn gerichtet.
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Re: Zwischen Tod und Leben

Beitragvon Sohma » Fr 1. Nov 2019, 17:47

Der kleine Junge mit den strubbelig braunen Haaren und haselnussbraunen Augen starrte schon seit Stunden auf den bunten Teppichboden. Zumindest erweckte es den Eindruck als täte er das schon seit Stunden.
Und dann auch wieder nicht. Während er so da saß schienen seine Augen leer zu sein, zwei dunkle Murmeln, in denen sich nichts regte. Vorerst...
Dann irgendwann und scheinbar wie aus dem Nichts glomm dann da doch etwas auf, als sich das Geistermädchen vor ihn hin hockte. Es kam nicht sofort, es war eher wie das Flackern eines entzündeten und langsam wachsenden Feuers.
Der kleine Junge blinzelte. Er trug eine etwas zu große Latzhose und einen Pullover, in dem er noch kleiner und zerbrechlicher wirkte als er mit seinen vielleicht fünf Jahren ohnehin schon wirkte.
Der kleine Junge blinzelte, hob die Hände und wischte sich mit den langen Ärmeln über die Augen als ob er gerade aufgewacht und sich den Schlaf aus den Augen wischen wollte. Dann blinzelte er noch einmal und hob Kopf und Blick an.
Er sah dem Geistermädchen ins Gesicht und sein Mund formte ein großes O, als ob er sich wunderte oder etws fragen wollte. Es kam nur keine über seine Lippen.
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Re: Zwischen Tod und Leben

Beitragvon Josy » Fr 1. Nov 2019, 22:09

Geduldig und aufmerksam verfolgte ich das Aufglimmen von Leben in der beschädigten Seele, ließ ihr die Zeit sich zu sammeln und sich ihrer selbst bewusst zu werden. Langsam kam Regung in den kleinen Jungen und ich sah dabei zu, wie er sich bewegte und die Augen rieb, wie das Leben in die Seelenspiegel einkehrte und er schließlich den Kopf hob und mich ansah. Mich wahrnahm. Vielleicht sogar Gedanken formte.
Ich lächelte. Der Junge machte zumindest äußerlich einen vollständigen Eindruck. Lebensfähig. Hier zumindest. Ob es auch für die Wirklichkeit reichte, würde sich noch herausstellen. Aber wenn die geschundene Seele jetzt wieder Anzeichen machte, sich fester an das Leben zu klammern, dann war das ein gutes Zeichen.
Ich hob eine schwarze Hand und streckte sie dem Jungen entgegen, legte sie auf seine Brust, da wo das Herz schlug. Schlagen sollte. Nichts.
"Das wird schon noch", sagte ich und zog die Hand wieder zurück, den Blick wieder aufmerksam in sein rundes Kindergesicht gerichtet. "Zeig mir mal deine Hände." Ich machte es ihm absichtlich nicht vor, sondern wartete ab, was er tun würde.
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Re: Zwischen Tod und Leben

Beitragvon Sohma » Sa 2. Nov 2019, 21:25

Der Blick des kleinen Jungen senkte sich auf die schwarze Hand des Geistermädchens, als dieses ihn an der Brust berührte und folgte ihrer Bewegung ebenso aufmerksam mit dem Blick, als sie die Hand wieder zurück zog. Als sie schließlich die Stille brach, hoben sich die braunen Augen wieder vollständig in ihr Gesicht hinauf. Das O auf seinem Mund war nach wie vor dort und es gesellte sich noch eine gerunzelte Stirn hinzu. Einige Sekunden lang schien er nachzudenken...
Dann hob der Kleine die Arme und zeigte dem Geistermädchen seine kleinen Hände, so wie sie es gewollt hatte. Er verstand also durchaus, was sie sagte...
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Re: Zwischen Tod und Leben

Beitragvon Josy » Mo 4. Nov 2019, 13:36

Mein aufmerksamer Blick blieb in das Gesicht des Jungen gerichtet und verfolgte die Veränderung in seinen Gesichtszügen. Es wurde sogar breiter, als er die kleinen Hände hob und mir zeigte.
"Guuut", flötete ich. "Sehr gut." Ich betrachtete sein Fingerchen, die allesamt vollständig zu sein schienen. Er verstand was ich sagte und wusste was ich meinte. Sehr gut. Das war erstmal wichtig. Ob er selbst in der Lage war, Worte zu formulieren, war erstmal nebensächlich. Vielleicht kam das ja noch. Er war schließlich immer noch nur eine zerstörte Seele, oder das was davon ürbig geblieben war. Aber ha! Ich hatte mich da doch mal wieder selbst übertroffen!
"Du wirst schon wieder werden", sagte ich noch einmal und ließ mich von der Hocke jetzt ganz in eine sitzende Position sinken, während mein Lächeln wieder schwächer wurde, aber nicht ganz verschwand. Man merkte es mir vielleicht nicht an, aber ich hatte mich ziemlich verausgabt. Das hier war nicht ohne gewesen. Meine schwarzen Hände waren nur ein äußerliches Zeichen, das ich nicht mehr verschleiern konnte. Außerdem waren wir beide noch nicht außer Gefahr - genau genommen steckten wir in der Falle. Dafür würde ich mir noch etwas überlegen müssen.
"Du kannst dich ausruhen, wenn du müde bist", sagte ich und deutete auf das Bett. Ich glaubte zwar nicht, dass er das war - schließlich war er sozusagen gerade erst wieder ins Leben zurückgekehrt - aber ich wusste auch nicht, wie viel Energie so eine kleine Seele noch hatte. Nach dem allen. "Aber es gibt auch genug anderes", fügte ich hinzu und langte nach einem Plüschhasen auf der Truhe am Fußende des Bettes. "Schau." Ich reichte ihn dem Kleinen.
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Re: Zwischen Tod und Leben

Beitragvon Sohma » Mo 4. Nov 2019, 16:09

Die etwas ratlos und überrumpelt wirkende Miene des kleinen Jungen hellte sich bei den Worten des Geistermädchens auf und die braunen Augen blieben an dem breiten Lächeln hängen.
"Hah!", machte er und erwiderte dann auch tatsächlich das Lächeln. Nun ja, ob es daran lag, dass er sie verstand oder er einfach nur merkte, dass das Geistermädchen sich über etwas freue war einerlei... Wahrscheinlich war aber trotzdem letzteres der Fall. Sagen tat der Junge jedenfalls nichts und das, was da gerade an Laut von ihm gekommen war, war auch nicht mehr als das. Auf jeden Fall war es kein Wort.
Sein Blick richtete sich neugierig auf den Plüschhasen, den das Mädchen ihm daraufhin zeigte, offenbar war das der Auslöser dafür, dass er sich etwas genauer in dem Raum umsah. Dabei entdeckte er das Flugzeug, das oben an der Decke hing und sich wie von Geisterhand im Kreis drehte. Er hob die Hand und deutete darauf, sah dann wieder das Mädchen an und lächelte wieder breit.
Wenn man bedachte, das der kleine Junge im Grunde eine zerbrochene Seele war, war es schon erstaunlich das er gleich wieder so etwas wie Freude oder Neugier empfand. Das war vielleicht ein gutes Zeichen dafür, dass die Seele nicht aufgeben wollte... Oder das Josy vielleicht auch einfach genug zusammen gekratzt hatte.
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Re: Zwischen Tod und Leben

Beitragvon Josy » Mo 4. Nov 2019, 16:44

Mein breites Lächeln hielt sich bei der Antwort und Reaktion des Jungen sogar noch etwas länger, während ich ihn ansah. Lebendig. Gut. Sehr gut. Selbst wenn er nicht wieder in die Wirklichkeit würde zurückkehren können, gab es genug andere Orte, an denen eine solche Seele einen Platz fand. So wie ich. Nun, bei mir war es etwas anderes, aber diese Seele hatte immerhin noch eine Chance. Besser als das was ihr sonst geblüht hätte war das auf jeden Fall.
An dem Plüschtier jedenfalls zeigte der Kleine kein besonders großes Interesse, jedenfalls nicht nachdem er den Rest des Raumes offenbar gerade bemerkte. Ich musste den Blick nicht heben um zu wissen, was da oben über unseren Köpfen schwebte, aber ich tat es trotzdem.
"Ja, nicht wahr? Was es alles gibt!" Ich sah wieder den Jungen an und grinste. "Willst du das anschauen?" Ich hielt ihm eine Hand hin. Ich hätte ihm noch so viel mehr zeigen können, aber... zuerst musste ich mich erholen. Bis dahin musste es genug sein für eine neue Seele, auch wenn sie gar nicht mehr so neu war. Sie verhielt sich ein wenig so, und das war gut. Sehr gut.
Ich hatte auch mal einen kleinen Neffen gehabt. Oder war es ein Cousin? Ich wusste es nicht mehr. Es war schon lange her. Wir beide lange tot. Schon seltsam, wie das Leben einen manchmal einholte.
Ich existierte schon viel zu lange in dieser Form.
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Re: Zwischen Tod und Leben

Beitragvon Sohma » Mo 4. Nov 2019, 20:05

Wieder huschte der nun aufmerksame Blick des Jungen zwischen dem Mädchen und dem Flugzeug hin und her und er hob nun beide Arme und stieß einen auffordernden Laut aus, der vielleicht an die eines Kleinkindes von zwei Jahren erinnerte. Nein, das mit dem artikulieren konnte er ganz offensichtlich nicht.
Der Kleine nahm die Arme wieder herunter und machte sich daran, aufzustehen. Das sah etwas umständlicher aus als normalerweise bei einem Fünfjährigen, doch er war ja so gesehen auch keiner.
Und auf den Kopf gefallen war er auch nicht; er zog sich an dem Bett hoch und stand einen Augenblick später, hatte etwas Mühe, sich auf den Beinen zu halten aber legte den Kopf in den Nacken und blickte schon wieder hinauf zu dem Flugzeug. Auch wenn er nicht verbal oder mit einem Kopfnicken auf die Antwort des Mädchens reagiert hatte sah man doch schon deutlich, dass er das Flugzeug am Liebsten wirklich haben wollte.
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Re: Zwischen Tod und Leben

Beitragvon Josy » Mo 4. Nov 2019, 20:42

Wieder ein Lächeln meinerseits. Dass er nicht sprechen konnte, störte mich nicht. Man musste nicht sprechen können, um sich zu verständigen. Und vielleicht konnte er es noch lernen. Hier, oder in der Wirklichkeit, wenn er je wieder dorthin zurückkehren konnte. Es war Zeit genug.
Nachdem er meine Hand nicht beachtete, ließ ich sie wieder neben mir sinken und beobachtete den Kleinen, wie er sich aufrichtete und sich am Bett hinauf hangelte. Gar nicht schlecht. So lange eine Seele ein Ziel hatte, etwas wofür es sich zu kämpfen lohnte, hatte sie Kraft. Diese Seele mochte das vergessen haben, aber jetzt, wo die zerstörten Teile fort waren und kaum mehr als das Herz übrig geblieben war, besann sie sich wieder auf das Wesentliche. In diesem Fall war das ein aufgehängtes Flugzeug.
"Und wie kommst du da jetzt hin?", fragte ich den Jungen und ließ ihn schön einen Moment lang selbst überlegen. Denken konnte er immerhin scheinbar. Um besser darin zu werden, musste er üben. Aber ich gab ihm trotzdem einen Tipp. Ich wischte die Kuscheltiere von der Truhe und zog sie an einem der seitlichen Griffe ein Stück vom Bett weg und so, dass sie mehr unter dem Flugzeug stand. Wahrscheinlich kam er trotzdem nicht dran, auch wenn er sich darauf stellte, aber ich wollte sehen, wie er das Problem selbst löste. Niemand wurde stark, wenn einem alles in den Schoß gelegt wurde.
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Re: Zwischen Tod und Leben

Beitragvon Sohma » Di 5. Nov 2019, 14:31

Das Geistermädchen bekam wieder einen aufmerksamen Blick zugeworfen, doch ansonsten blieb wieder einmal eine weitere Reaktion auf ihre Worte aus, da der Kleine sie nicht zu verstehen schien.
Statdessen zog er sich jetzt ganz aufs Bett und blieb auf der Bettkante sitzen, den Kopf wieder in den Nacken gelegt, um hinauf zu dem Flugzeug zu blicken.
Als Josy begann, die Kiste zu bewegen hatte sie jedoch erneut seine volle Aufmerksamkeit. Sein Blick huschte dann auch tatsächlich ein paar Mal zwischen der Truhe und dem Flugzeug hin und her, bis er scheinbar eine Entscheidung getroffen hatte. Er rutschte wieder vom Bett runter und kam langsam in Richtung Truhe. Anstatt jedoch auf sie hinauf zu klettern nahm er sich den Plüschhasen, den das Mädchen ihm vorhin gezeigt hatte. Er lief wieder zum Bett, hopste dort hinauf und stellte sich auf die Matratze, zielte auf das Flugzeug und warf den Hasen in seine Richtung. Der Schwung reichte nicht einmal Ansatzweise und ganz davon abgesehen war der Wurf auch noch schlecht gezielt.
Der Junge gab ein enttäuschtes Schnauben von sich.
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Re: Zwischen Tod und Leben

Beitragvon Josy » Di 5. Nov 2019, 15:42

Es war schwer zu sagen, was für Gedanken dem kleinen Jungen durch den Kopf gehen mochten. Entschiedenheit zeigte er, genau wie Versuche, eine Lösung für sein Problem zu finden. Ob er meine Gedankengänge nur nicht verstand, oder meinte dass seine Idee eine bessere war, wusste ich nicht. Vielleicht erkannte er auch selbst, dass er selbst mit der Kiste nicht an das Flugzeug herankommen konnte. Es war auf jeden Fall interessant, ihn dabei zu beobachten.
"Üb noch ein bisschen, dann wird das schon", sagte ich zu dem Kleinen. "Wir haben noch einiges vor uns, also gib nicht bei sowas schon auf." Aufmerksam sah ich ihn an. Natürlich hätte ich ihm helfen können, oder das Flugzeug herunterholen, aber ich tat es nicht. Warum sollte ich auch? Nicht ohne dass er selbst darauf kam jedenfalls.
Ich stand auf und trat um die Truhe und den kleinen Jungen herum, um mich am Kopfende auf das Bett zu setzen. Aus der Schussbahn, sozusagen. Meine Füße schaukelten vor und zurück, während ich den Jungen betrachtete.
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Re: Zwischen Tod und Leben

Beitragvon Sohma » Di 5. Nov 2019, 19:50

Diesmal bekam das Mädchen nur einen kurzen Blick, denn der Kleine schien nun eine Aufgabe gefunden zu haben, die ihn nicht mehr los ließ. Er machte sich zumindest gleich wieder daran, vom Bett zu klettern und den Plüschhasen wieder aufzusammeln, zusammen mit einigen anderen Kuscheltieren, die auf dem Boden lagen. Scheinbar glaubte er nicht dass der nächste Wurf ein Treffer sein würde.
War er auch tatsächlich nicht; Der Plüschhase landete sogar fast auf der selben Stelle nachdem er seinen kurzen Flug beendet hatte. Mit einem der kleineren Tiere schaffte er es dann aber doch tatsächlich, das Flugzeug zu treffen. Das führte jedoch lediglich dazu, dass es für einen kurzen Moment seine rotierende Flugbahn unterbrach und diese dann erneut aufnahm.
Nach dieser Erfahrung änderte der Junge seine Taktik und nahm nun doch die Truhe in Augenschein, die unter dem Flugzeug stand. Mit einem größeren Kuscheltier -einem Löwen- bewaffnet, kletterte er auf sie und begann nun, mit dem Kuscheltier nach dem Flugzeug zu hauen. Er kam nach wie vor nicht heran und nachdem er den Löwen hoch geworfen hatte, setzte er sich mit einem tiefen und enttäuschen Seufzen auf die Truhe und sah Josy ein wenig beleidigt an. Das Flugzeug schien ihn zu frustrieren.
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Re: Zwischen Tod und Leben

Beitragvon Josy » Di 5. Nov 2019, 21:11

Ich ließ den Kleinen einfach mal machen und sah ihm dabei zu. Er schien mich ohnehin nicht mehr besonders zu beachten und nur sein Ziel im Blick zu haben, was gar nicht so schlecht war. Erfolgreich war er mit seinen Versuchen allerdings nicht, obwohl er sich Mühe gab und tatsächlich auch verschiedenes ausprobierte. Dieser Körper, der ja sowieso kein eigentlicher Körper war, schien noch nicht so ganz mitzumachen.
Irgendwann jedenfalls schien er genug zu haben, oder zu frustriert zu sein um weiter zu machen. Mein Lächeln war wieder erschienen, auch wenn das vielleicht nicht besonders ermutigend war für den Kleinen. Aber hey, ich konnte doch auch ein bisschen Spaß haben.
Als er mir wieder einen Blick zuwarf, stand ich nach einem Moment doch auf und trat zu dem Jungen auf der Truhe hin. "Komm. Wir machen das anders", sagte ich und stieg neben ihn auf die Truhe, beugte mich dann nochmal hinab und hob den Jungen hoch. Ich musste ihn schon ein wenig höher heben, sodass er fast auf meiner Schulter hätte sitzen können, aber jetzt wo ich mich wieder aufrichtete, kam er auch an das Flugzeug heran.
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Re: Zwischen Tod und Leben

Beitragvon Sohma » Di 5. Nov 2019, 21:34

Der Junge schien sich gar nichts bei dem Lächeln des Geistermädchens zu denken. Es sorgte zumindest nicht dafür, dass er anfing zu heulen oder trotzig wurde. Er schien einfach nur frustriert zu sein.
Als das Mädchen dann vom Bett aufstand, hellte sich sein Gesicht wieder etwas auf und wirkte eher neugierig. Vor allem als sie dann neben ihm auf die Truhe stieg. Er hielt still als sie ihn dann hoch hob und erst als sie ihn hoch in Richtung des Flugzeugs hielt, fiel der Groschen.
"Hehe!", machte er und streckte die Arme nach dem Flugzeug aus, dessen Flug er stoppte als es gegen seine Hand kam. Er packte das blaue Flugzeug und zupfte es wie einen reifen Apfel von der Halterung, zog es zu sich an die Brust und hielt es gut fest, damit er es auch ja nicht mehr verlor.
"Heh!", lachte er noch einmal. Er schien ich ganz offensichtlich richtig über das gewonnene Flugzeug zu freuen.
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Re: Zwischen Tod und Leben

Beitragvon Josy » Di 5. Nov 2019, 21:54

Der Junge schien gar nicht so wirklich zu begreifen, dass es so etwas wie Zusammenarbeit zwischen zwei Wesen geben konnte. Woher sollte er auch? Es war schon ein Wunder, dass er sich überhaupt so gut machte. Die Seele schien in der Lage zu sein zu lernen, und das hieß dass sie wachsen konnte und sich vielleicht sogar regenerieren. Oder neu entstehen. Vielleicht war es gar nicht so schlimm, dass sie nicht mehr vollständig war.
Sobald der Kleine zufrieden war und das Flugzeug an sich drückte, ließ ich ihn wieder runter. "Hjaa, toll wenn man kriegt was man haben will, heh?", sagte ich dabei und grinste. "Gewöhn dich nicht zu sehr dran. Tante Josy ist nicht immer da um dich zu retten." Ich sprang wieder von der Truhe herunter.
Ein feines, entferntes Wummen erklang für einen Moment. Man konnte gar nicht genau sagen ob es ein dumpfes Geräusch oder doch eine Erschütterung war, oder vielleicht beides. Etwas das in der Brust resonierte.
Ich neigte leicht den Kopf zur Seite und trat langsam wieder zum Bett, auf das ich mich setzte. Ewig würde das hier nicht so bleiben. Und bis dahin musste ich mich genug erholt haben, oder mir etwas einfallen lassen - am besten beides.
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Re: Zwischen Tod und Leben

Beitragvon Sohma » Di 5. Nov 2019, 22:34

Der Junge gluckste leise vor sich hin nachdem Josy ihn wieder herunter gehoben hatte. Er kletterte auch von der Truhe und setzte sich erst einmal auf den Teppich, wo er das Flugzeug ganz genau in Augenschein nahm. Er hielt einmal inne als da so etwas wie ein entferntes Geräusch erklang, widmete sich dann jedoch ganz dem Flugzeug. ls er es genügend betrachtet hatte, begann er dann sogar auch damit zu spielen, bei dem ein kleiner Teddybär die Rolle des Piloten bekam, der ein paar andere Kuscheltierpassagiere durch die Luft beförderte. Dafür stand der Junge dann auch auf und lief durch das Zimmer. Er wirkte nicht mehr wackelig auf den Beinen und er beschäftigte sich auch eine ganze Weile so, ehe er sich irgendwann die Augen rieb, auf das Bett kletterte und sich hinlegte, das Flugzeug dabei noch immer vor der Brust haltend wie einen Teddybären.
Mit einem großen Gähnen schloss er schließlich die Augen und schlief ein...
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Re: Zwischen Tod und Leben

Beitragvon Josy » Sa 9. Nov 2019, 22:37

Eine Weile lang sah ich dem kleinen Jungen dabei zu, wie er sich mit dem Flugzeug und dann auch mit dem anderen Kram beschäftigte. Dann rückte ich ganz aufs Bett und lehnte mich mit dem Rücken gegen die Wand. Auf den Kleinen achtete ich nicht mehr besonders, stattdessen tat ich anderes, was man mir nicht ansah. Auch meine Möglichkeiten hier im körperlichen Raum waren begrenzt, vor allem da ich uns hier versteckt hatte, aber ein paar Fühler nach draußen hatte ich trotzdem. Schließlich musste ich wissen, wenn er uns gefunden hatte.
Mein Blick glitt erst wieder auf den Kleinen, als er sich hinlegte und neben mir einkugelte um zu schlafen. Auch das war ein gutes Zeichen. Die Seele verhielt sich so, wie es für ein Lebewesen normal war. Vielleicht hatte der Junge da draußen ja tatsächlich eine Chance.
Ich schlief nicht. Ich konnte nicht schlafen, schließlich war ich tot. Ich brauchte zwar Energie, aber die würde ich hier nicht kriegen. Von der kleinen Seele war nichts zu holen.
Einmal noch erklang das ferne Wummen, aber sonst blieb es still. Für eine unbestimmte Zeit jedenfalls. Zeit war schwer zu messen, wenn sie keine Rolle spielte.

"Wach auf", sagte ich mit leiser Stimme, während ich den Kleinen sachte an der Schulter rüttelte.
Der Raum hatte sich verändert. Es war als wären hundert Jahre vergangen. Das Holz der Möbel war am Verrotten und die Farblackierung rissig. Staub hatte sich über den Boden gelegt und der Teppich war blass geworden. Der ein oder andere Knauf der Schränke hing lose in der Halterung, die Metallteile wiesen Rost auf. Die Tapete schlug an manchen Stellen Wellen. An einer Ecke an der Decke hatte sich dunkler Schimmel breitgemacht. Auch das Licht war etwas düsterer geworden. Schatten lungerten in den Ecken.
"Wach auf. Es wird Zeit."
An der Wand hinter mir über dem Bett zogen sich vier lange Risse durch die Tapete, wie Spuren von unsichtbaren Krallen.
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Re: Zwischen Tod und Leben

Beitragvon Sohma » Di 12. Nov 2019, 10:01

Der kleine Junge zuckte noch einmal im Schlaf zusammen als in der Ferne ein Geräusch zu hören war. Aufwachen tat er während der nächsten Zeit jedoch nicht und er blieb auch ganz reglos dort liegen. Lediglich sein Brustkorb hob und senkte sich langsam.
Vielleicht hätte er auch noch länger geschlafen wenn das Geistermädchen ihn nicht geweckt hätte. Er blinzelte und setzte sich langsam auf, gähnte und rieb sich die Augen. Als er blinzelte und den Raum betrachtete, wunderte er sich nicht. Es war zumindest nichts zu erkennen. Doch dafür schien es so, als spürte er etwas. Er zog nämlich die Beine an und umschlang sie mit den Armen während er kaum merklich erzitterte.
Nachdem er sich lange genug umgeschaut hatte, wandte er den Blick in das Gesicht des Geistermädchens, beinahe schon fragend oder abwartend. Da er nach wie vor nicht sprach, war das nicht so ganz ersichtlich.
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Re: Zwischen Tod und Leben

Beitragvon Josy » So 17. Nov 2019, 16:05

Der Junge regte sich und wurde wacher, sodass ich die Hand zurückzog und ihn noch einen Moment lang beobachtete, ehe auch mein Blick durch den Raum schweifte. Die Spuren, dass das alles hier nicht mehr lange halten würde, waren überall zu sehen. Allerdings war das hier wohl so ziemlich der sicherste Ort den wir hier haben konnten. Wenn er zerfiel... könnte es ungemütlich werden.
Ich sah wieder den Jungen an, der den Blick auf mich gerichtet hatte. Ein schlafender Verstand war leichter zu überrennen als ein wacher Verstand, daher hatte ich ihn geweckt. Und bleiben konnten wir auch nicht.
"Du darfst keine Angst haben", sagte ich zu ihm und lächelte. "Angst nährt ihn nur und lockt ihn zu dir." Der Kleine hatte zumindest bewiesen, dass er Gefühle zeigen konnte. Angst war tief verwurzelt. Und eine solche Seele wie diese hier hatte allen Grund, stark mit Angst verknüpft zu sein. Sofern ihr nicht gerade die Teile fehlten.
Ein leichtes Beben fuhr durch den Raum, gepaart mit einem dumpfen Geräusch, ähnlich dem von vorher, nur lauter. Stifte rollten über den Boden und ein lockerer Knauf fiel herab. Ein leichtes Knarzen von Holz blieb zurück.
Er war da und suchte einen Weg hinein. Jetzt war es nur an uns, ihm durch die Lappen zu schlüpfen.
"Komm", sagte ich und rückte an den Bettrand, um dann aufzustehen und mich noch einmal zu dem Jungen umzudrehen, damit er mir folgte.
Die Schatten in den Ecken schienen tiefer zu werden und sich auszubreiten, auch dorthin wo sie eigentlich nicht sein sollten. Ich gab besonders acht, ihnen nicht zu nahe zu kommen. Einer ragte schon unter dem Bett hervor.
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