Re: Zwischen Tod und Leben
von Josy » Fr 10. Mär 2023, 17:48
Auch wenn der Junge nichts sagte, bemerkte ich seine Unruhe sehr wohl, weshalb ich das auch gesagt hatte. Mir wäre es auch lieber gewesen, wenn er neben mir her gegangen wäre, weil ich dann besser auf ihn achten konnte, aber noch war das hoffentlich nicht allzu schlimm. Ich spürte allerdings, dass wir näher kamen.
Wir waren eindeutig nicht mehr länger allein. Ich versuchte auf unserem Weg die Schemen zu meiden, doch nicht nur wir, sondern auch sie bewegten sich durch den Nebel und gaben zumindest einige der Geräusche von sich, die wir hören konnten. Es waren Wesen, so viel stand zumindest für diejenigen, die sich bewegten, fest. Und sie waren unserer Ebene näher als die Schemen im Dorf.
Spätestens als ein etwa pferdegroßer und -förmiger Schemen näherkam und sich seine Konturen aus dem Nebel herausschälten war klar, dass sie uns tatsächlich auch wahrnahmen. Der Kopf des Wesens war größer als der eines Pferdes, mit großen, zur Seite gehenden Ohren. Es war grau, doch gerade als sich ein paar helle Streifen am Kopf abzusetzen begannen, waren wir daran vorbei und der Nebel begann es wieder zu verschlucken, als wir uns entfernten. Es blieb stehen und kam nicht näher, aber es sah uns nach.
Kurz darauf näherten wir uns einem sehr großen und dünnen, ansonsten aber sehr menschenähnlichem Schemen. Wieder wich ich ein wenig aus, doch es war trotzdem zu sehen, dass das Wesen näher kam. Es kam nicht nah genug, um es deutlich zu erkennen, aber es folgte uns langsam.
Und das gleiche taten auch zwei weitere, undeutlichere Schatten. Auch ein paar der Irrlichter schwebten in einigem Abstand neben uns her.
Insgesamt waren es nicht viele Wesen um uns herum, aber es wurden mit der Zeit mehr. Ich griff nach hinten und zog die Hand des Jungen zu mir, die ich festhielt, um ihn in meiner Nähe zu halten. Hier wollte ich nicht, dass er zurückblieb.
Als die ersten der Wesen begannen uns zu folgen, tauchten weitere Schemen aus dem Nebel auf, die sich diesmal nicht bewegten und sich beim Näherkommen als Felsen entpuppten. Hohe Felsen, die in einem großen Kreis angeordnet waren. Ich hielt darauf zu und blieb schließlich neben einem der Felsen stehen, wobei ich den Kleinen zwischen mich und den Felsen zog.
Noch mehr der geisterhaften Wesen schälten sich aus dem Nebel heraus und näherten sich dem Steinkreis. Viele blieben so wie wir an dessen Rand stehen und keiner von ihnen ging ins Innere, manche blieben auch weiter hinten, wo der Nebel sie halb verschluckte und nur undeutlich sichtbar machte. Insgesamt waren etwa zehn bis fünfzehn dieser Wesen erkennbar.
Manche hatten tierähnliche Formen, andere sahen aus wie Yokai oder auch menschenähnlich, so wie wir beide. Doch keiner von ihnen sah so richtig menschlich aus, soweit man das durch den Nebel beurteilen konnte. Der Junge und ich waren die, die am menschlichsten aussahen. Von den Zweibeinern waren manche ungewöhnlich groß und dünn, manche zwergenhaft, eine Frau sah zuerst sehr normal aus, bis sich ihr dünnes Gesicht mit den langen, schlitzförmigen Augen aus dem Nebel schälte. Andere hatten Flügel, lange Klauen oder andere ungewöhnliche Merkmale.
Sie beäugten uns, manche - vor allem der tierähnlicheren - zischten oder knurrten, aber sie ließen uns in Ruhe. Ein breites, felsähnliches Wesen mit kurzen, dünnen Armen befand sich auf der anderen Seite des Felsens neben dem Jungen. Auf meiner anderen Seite, rechts von mir, blickte eine sehr große Frau mit langen Haaren auf uns herab, die eine Dryade hätte sein können, sie sah aus wie ein Baum.